Was mich aktuell irritiert, ist nicht die KI selbst.
Was mich irritiert, ist der Umgang damit.
Wir erleben gerade, dass in produktiven Systemen Technologiekombinationen eingesetzt werden, die vor wenigen Jahren im professionellen Kontext undenkbar gewesen wären. Getrieben nicht durch saubere Architekturentscheidungen, sondern durch FOMO.
Fear of Missing Out.
Hätte ein Systemarchitekt vor einigen Jahren vorgeschlagen, kritische Komponenten auf externe, schwer kontrollierbare Services zu stützen – idealerweise noch außerhalb des eigenen Rechtsraums – wäre das Gespräch vermutlich sehr kurz gewesen.
Heute gilt das plötzlich als Innovationsbeweis.
DSGVO gestern, Datenabfluss heute
Wir haben uns jahrelang intensiv mit Datenschutz beschäftigt. DSGVO, Datensparsamkeit, Compliance, Audits.
Und jetzt?
Jetzt werden Unmengen an Daten in Clouds gepumpt.
Nicht nur technische Daten.
Nicht nur anonymisierte Daten.
Sondern vertrauliche Informationen.
Interne Dokumente.
Teilweise hochsensible Inhalte.
Oft von Menschen, die gar nicht wissen, wo diese Daten am Ende landen.
Das ist kein spektakulärer Verlust wie bei einem Diebstahl.
Das ist ein schleichender Prozess.
Ein langfristiger Abbau von Souveränität und geistigem Eigentum.
Wir haben uns über Industriespionage empört – und liefern gleichzeitig bereitwillig genau die Informationen aus, die früher als strategisch kritisch galten.
Abhängigkeiten als neue Normalität
Parallel dazu entsteht eine neue Klasse von Abhängigkeiten.
Unternehmen bauen zentrale Prozesse auf Services auf, die:
- nicht unter ihrer technischen Kontrolle stehen
- nicht unter ihrer juristischen Kontrolle stehen
- teilweise nicht einmal im eigenen Kontinent betrieben werden
Die entscheidende Frage wird kaum gestellt:
Was passiert, wenn der Service nicht mehr verfügbar ist?
Was passiert bei einem Ausfall?
Was passiert bei strategischen Änderungen des Anbieters?
Was passiert, wenn ein Modell eingestellt wird?
Je tiefer die Integration, desto größer das Risiko.
Nicht unbedingt morgen.
Aber strukturell.
„Für euch reicht das“ – wirklich?
Ein weiteres Phänomen ist die stille Verschiebung von Qualitätsmaßstäben.
Als Entwickler gab es früher sehr klare Toleranzen.
2 %, vielleicht 5 % Fehlerquote – abhängig vom System.
Heute sehen wir Anwendungen, bei denen Ergebnisse mit einem Schulterzucken akzeptiert werden:
„Kann richtig sein. Kann falsch sein.“
Für bestimmte Use Cases mag das legitim sein.
Für viele produktive Kontexte ist es das nicht.
Unzuverlässigkeit bleibt Unzuverlässigkeit – auch wenn sie technologisch beeindruckend verpackt ist.
Der Hype Train
Was wir aktuell erleben, ist ein massiver Hype.
Eine Marketingfassade enormen Ausmaßes.
Natürlich profitieren die Unternehmen, die diesen Hype treiben.
Das ist ihr Geschäftsmodell.
Aber der reale Nutzen ist oft deutlich kleiner als die Wahrnehmung.
Nicht selten marginal.
Teilweise schlicht nicht vorhanden.
Der eigentliche Kollateralschaden: Know-how
Der kritischste Punkt wird jedoch kaum diskutiert.
Während Unternehmen euphorisch neue Tools einführen, passiert parallel etwas anderes:
- Erfahrene Mitarbeiter werden nicht ausreichend berücksichtigt
- Teilweise sogar abgebaut
- Nachwuchs wird kaum eingestellt
- Junior-Positionen verschwinden
Die Logik dahinter ist kurzfristig nachvollziehbar.
Langfristig ist sie gefährlich.
Ein Senior entsteht nicht durch Titel.
Ein Senior entsteht durch Erfahrung.
Durch Fehler.
Durch Verantwortung.
Durch Situationen, die wehgetan haben.
„Senior“ heißt oft schlicht: leidgeprüft.
Wenn wir aufhören, Juniors auszubilden, hören wir auf, die nächste Generation von Erfahrungswissen aufzubauen.
Das ist kein akutes Problem.
Das ist ein strukturelles.
Technologie ersetzt keine Verantwortung
KI ist ein Werkzeug.
Ein mächtiges Werkzeug.
Aber sie übernimmt keine Verantwortung.
Fehlerhafter Code, falsche Entscheidungen, schlechte Resultate – die Konsequenzen tragen weiterhin Menschen und Unternehmen.
Nicht das Modell.
Nicht der Anbieter.
Nicht der Algorithmus.
Und genau deshalb braucht Technologie mehr denn je:
- erfahrene Fachleute
- kritisches Denken
- Qualitätsbewusstsein
- architektonische Disziplin
Nicht weniger.